Vater Unser

Heinrich Schütz: Singet dem Herrn ein neues Lied

Memoiren eines Sängers und Königs

Musik ist gut, um sich ab zu reagieren und um zur Ruhe zu kommen. Oder um sich auf zu rütteln. Musik setzt Gefühle frei und öffnet etwas, was gesprochene Worte nicht vermögen. Die biblische Geschichte des berühmtesten Sängers in der Bibel, König David (1. Samuel 16).

Ich wollte schon immer Musik machen und Sänger sein. Seit ich elf oder zwölf war, war dies das einzige, das mich interessierte. Meine älteren Brüder nahmen mich nicht ernst. Wenn ich nur auf Steinen und Drums getrommelt hätte, das hätten sie verstanden, aber ein Junge, der singt? Das war nichts für starke Kerle. Sie schüttelten den Kopf, wenn ich summend an ihnen vorbei lief und Melodien erfand. Muttersöhnchen, sagten sie. Nur Großvater verstand mich. Er rief mich zu sich und schenkte mir meine erste Laute. Ich nahm das Instrument mit beiden Händen, probierte die Saiten aus und brachte mir das Laute-Spielen selber bei. Ich verzog mich raus auf die Felder, um die Schafe zu hüten und spielte und sang, wann immer ich die Zeit dafür hatte.

Eines Tages kam ein alter Priester zu uns nach Hause, der redete etwas von Königen und fasste mich ins Auge. Alle guckten mich an. Der Alte hielt seine Hände über mich und sagte, Gott wolle mich segnen. Dann verschwand er.

Nicht, dass ich mir etwas auf diese Begebenheit einbildete. Ich verstand den Priester ohnehin nicht mit meinen vierzehn Jahren. Aber eine Sache stimmte: Ich sollte bald darauf in den Palast kommen. König Saul suchte einen Musiker, der Harfe spielt. Ein Bekannter von mir, ein paar Jahre älter als ich, war im Palast angestellt, und der empfahl mich: Ich kenne da einen, den Sohn von Isai aus Bethlehem, schaut euch den mal an. Er hatte mich dann in den höchsten Tönen gelobt und meinte, ich könne nicht nur Musik machen, sondern sei zudem noch mutig und clever, jedenfalls nicht auf den Kopf gefallen, und wer weiß, wofür man so einen kräftigen Burschen wie mich noch brauchen könne. Kein Wunder, dass bald ein Bote aus dem Palast auftauchte und meinen Vater überredete, mich zum König ziehen zu lassen.

Da war ich also. Ich wurde einer der königlichen Waffenträger. Meine Brüder wurden still, als sie das hörten. Von wegen Muttersöhnchen! Saul mochte mich.

Was es aber mit dem König noch auf sich hatte, davon konnten alle ein Lied singen. Er trug eine Menge Wut mit sich herum und konnte schnell explodieren, so dass sein Brüllen im ganzen Palast zu hören war. An anderen Abenden fiel er in Depressionen. Sich mit ihm zu unterhalten, war mühselig. Er war nicht ansprechbar. In solchen Momenten drang niemand durch die unsichtbare Mauer, mit der er sich umschloss. So spielte ich ihm meine Lieder. Er entspannte sich. Das sagte er selber in lichten Momenten: Wenn du singst, wird es mir leicht, ich sehe weiter, ich komme zur Ruhe.

Mir selber ging es auch so. Einige Zeit später - das war nach der Sache mit dem Riesen Goliath, den mein Steinwurf zu Boden riss - wendete sich das Blatt. Der König wurde eifersüchtig auf meinen Erfolg und versuchte sogar, mich um zu bringen. Einmal warf er einen Speer nach mir. Da verschwand ich und versteckte mich in einer Höhle in den Bergen.

Ich saß da, improvisierte Akkorde und sang so eine einfache Melodie: Sei du mir gnädig, Gott, auf dich traut meine Seele, bis das Unglück vorüber ziehe. Schaffe mir weiten Raum... (Psalm 57,1-2) Das Singen gab mir Kraft und ich meinte es so: Der Gedanke an Gott ließ mich hoffen.

Jahre später wurde ich König, Nachfolger von Saul. Was soll ich sagen: Mein Erfolg verwandelte mich immer mehr zu einem Egozentriker. Das kann der bescheidensten Person passieren. Du trägst die Krone auf dem Kopf und es es macht „Klick“ und irgendwann nimmt man nichts mehr wahr außer sich selbst. Mit Bathseba hatte ich mich verrannt. Diese bildhübsche Frau! Ich wollte sie haben und nahm sie mir. Ihren Mann, den Soldaten Uria, ließ ich in die vorderste Front schicken, wo er starb. Als der Prophet Nathan mir meine Sünde vorhielt, wurde ich still. Gott, sei mir gnädig, schaffe in mir ein reines Herz, vergib mir, diese Worte murmelte ich vor mich hin, rief sie, sang sie, nächtelang (Psalm 51). Ich bin mir sicher: Gott vergab mir.

Und heute? Ich bin alt geworden. Meine Laute hängt über meinem Lager. Morgens singe ich immer noch (Psalm 57,9): Wach auf, meine Seele, wach auf, Harfe, das Morgenrot will ich wecken!

Sonntag Kantate, 10.Mai 2020 | Pfarrer Ralph Frieling 

Noah wartet

Sonntag, 3. Mai 2020 

Pfarrer Ralph Frieling

In Corona-Zeiten warten alle darauf, dass das Leben normal und ohne Einschränkungen weiter gehen wird. Auch wenn sich diese Zeit nicht abkürzen lässt, ändert sie vielleicht unsere Haltung zum Leben. Dazu eine alte Geschichte über das Warten.

Die Arche Noah

Die Geschichte von der Arche Noah ist eine der Ur-Geschichten der Bibel (1. Mose 6-8). Nicht weil sie vor langer Urzeit so passiert wäre, sondern weil sie etwas Ur-typisches über uns Menschen erzählt.

Lassen wir den alten Noah selbst im Interview zu Wort kommen.

RF Es war gar nicht leicht, Sie zu ausfindig zu machen, Herr Noah! Obwohl Sie ja sehr bekannt sind mit der Arche und der Sintflut. Sie hatten die Flut mit Ihrer Familie überlebt.

Noah Ich war nicht der einzige. Viele haben überlebt.

RF Wie meinen Sie das? Die Bibel berichtet, Sie waren die einzigen: Sie, Ihre Frau, Ihre drei Söhne und Schwiegertöchter.

Noah Es kamen ja immer wieder Stürme über die Welt. Krisen - wie Fluten, wo Menschen jeden Boden unter den Füßen verloren.

RF Den Boden verlieren?

Noah Kriege zum Beispiel. Naturkatastrophen. Aber auch im privaten: die Diagnose einer schweren Krankheit wirft einen um. Verlorene Beziehungen oder wenn einer stirbt: das alles lässt einen ins Bodenlose versinken.

RF Was gab Ihnen Bodenhaftung?

Noah Die Arche. Gott gab mir den Auftrag die Arche zu bauen. Einhundert Meter lang, fünfzehn breit und drei Stockwerke hoch.

RF Ein frühzeitlicher Wolkenkratzer.

Noah Ja, aber ohne Fenster. Da war nur eine Luke oben. Die Arche war alles andere als eine Fregatte oder Hochsee-Yacht. Eher ein Holzkasten, überdimensional zurecht gezimmert und provisorisch.

RF Und dann?

Noah Dann fing es an, aus Eimern zu schütten. Den Tag weiß ich noch genau. Tropfen, die wie Fäuste auf den Staub schlugen. Binnen weniger Stunden schoss das Wasser die Straßen entlang. Erst war es faszinierend, dann beängstigend. Der Regen hörte nicht auf. Nach drei Tagen stand alles unter Wasser, Bäume waren entwurzelt, das Leben war fortgespült. Irgendwann hörten wir ein lautes Knarzen, die Arche bekam Auftrieb, schlingerte, schwamm.

RF Und Sie wussten nicht, wohin.

Noah. Das war nicht wichtig. Hauptsache, wir waren gerettet. Aber ich dachte mir auch: Hoffentlich wird die Arche nicht zu unserem Sarg. Das war die Kehrseite der Rettung: wir waren auch gefangen.

RF Was haben Sie die ganze Zeit mit sich angefangen?

Noah Gute Frage. Erst haben wir die Zeit zusammen genossen. Aber die Stimmung kippte bald auf engem Raum und mit dem ständigen Regen, wie er auf das Dach prasselte. Wussten Sie, dass es 150 Tage und Nächte goss?

RF Fast ein halbes Jahr.

Noah Die Nerven lagen blank. Einmal schrie mein Sohn: Ich halt`s hier nicht mehr aus, der Regen hämmert, ich will raus, ich will mein Leben zurück, aber da ist nichts mehr!

RF Und die Tiere?

Noah Die Leute glauben immer, wir hätten nur Däumchen gedreht. Aber kümmern Sie sich mal um tausend Tiere! Jeder Zoodirektor weiß, wovon ich rede. Im Talmud haben sie sich später noch die Sache mit dem Löwen erzählt.

RF Was war passiert?

Noah Wir hatten rund um die Uhr mit der Fütterung zu tun. Einmal war ich zu spät dran und besagter Löwe biss mich hungrig in den Arm.

RF Und nach dem halben Jahr, als der Regen aufhörte...

Noah ... war das natürlich ein besonderer Moment. Wir rannten zur Dachluke und schauten hinaus. Nur, was wir sahen, war die offene See. Da dämmerte uns, dass wir noch lange warten müssen. Nach mehreren Tagen knarrte es gewaltig unten im Bug. Wir waren auf Grund gelaufen auf dem Berg.

RF Ein glückliches Ende!

Noah Von wegen! Wir konnten längst noch nicht raus. Das Wasser stand zu hoch. Das Warten ging weiter, und ich sage Ihnen, wir waren müde! Insgesamt dauerte es noch einmal über sechs ganze Monate, bis sich das Wasser vollständig verlaufen hatte und die Pflanzen wieder grün waren. Erst dann verließen wir die Arche.

RF Mit den Tieren.

Noah Allein die Pferde: wie die drauf los galoppierten. Die Schafe und Ziegen sprangen umher.

RF Sie haben die Freiheit genossen!

Noah Ein unbeschreibliches Gefühl. Wir spürten festen Boden unter den Füßen. Ein ganzes Jahr lang waren wir in dem Kasten.

RF Ein verlorenes Jahr?

Noah Na ja, das würde ich so nicht sagen. Im Rückblick war es nicht vergeblich. Das Leben wurde kostbarer nach diesem Jahr.

RF Eine letzte Frage: Haben Sie eigentlich Gott gespürt in dieser Zeit?

Noah Not lehrt beten, sage ich Ihnen. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist. Ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen, habe ich gebetet (Psalm 69). Aber auch die Dankbarkeit lehrt beten.

RF Danke für das Gespräch!

Petrus

Zwei Wochen nach Ostern, Sonntag Midericordias Domini | Die Barmherzigkeit Gottes, 26.4.2020

Pfarrer Ralph Frieling 

Die Geschichte in der Bibel:

Nach dem Frühstück sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?« Er antwortete ihm: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« Da sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Lämmer!«

Dann fragte er ihn ein zweites Mal: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?« Petrus antwortete: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Führe meine Schafe zur Weide!«

Zum dritten Mal fragte er ihn: »Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?« Da wurde Petrus traurig, weil er ihn zum dritten Mal gefragt hatte: »Hast du mich lieb?« Er sagte zu Jesus: »Herr, du weißt alles! Du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Schafe! Amen, amen, das sage ich dir: Als du jung warst, hast du dir selbst den Gürtel festgebunden. Du bist dahin gegangen, wohin du wolltest. Aber wenn du einmal alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken. Dann wird jemand anderes dich festbinden. Er wird dich dahin führen, wohin du nicht willst.« Mit diesen Worten deutete Jesus an, wie Petrus einst sterben würde und wie er dadurch die Herrlichkeit Gottes sichtbar machen sollte. Dann sagte Jesus zu Petrus: »Folge mir nach!«

(Johannes-Evangelium, Kap. 21, Verse 15-19)

 

Liebst du mich?

Weißt du, was mir fehlt, was ich gebraucht hätte? Hast du mich lieb? Fühlst du dich noch wohl bei mir? Oder ist sie erloschen, die Liebe, jetzt, wo alles vorbei ist, wo wir uns schon so lange und so genau kennen. Können wir noch einmal von vorne anfangen? Oder lieber nicht? Liebst du mich?

Am Ende des Johannesevangeliums stehen diese Fragen. Ein letztes Kapitel. Ein vertrautes Gespräch nach den sich überstürzenden Ereignissen der Passionsgeschichte und der Ostergeschichte. Was war da alles passiert: Judas falscher Kuß brachte das Drama ins Rollen: das Waffengeklapper der Soldaten im Garten vor Jerusalem, Jesu Gefangennahme, ein blutendes Ohr, als Petrus das Schwert ergriff, flüchtende Jünger, ein krähender Hahn, Verhöre, Schläge ins Gesicht, Angst, Geißelung, der Spott unter dem Kreuz, die Knechte, die um Jesu Kleider würfeln. Marias Schmerz, der Tod. Der Ostermorgen, Maria von Magdala sieht das leere Grab, ihre Angst, Jesu Leichnam sei weg, der Gärtner vor dem Grab, der Zweifel, die Ungewißheit, was ist jetzt passiert. Wo ist er hin, der Herr, man sagt, er sei auferstanden, ist das wahr?

Aufregende Tage. Aber irgendwann kehrte Ruhe ein. Die Jünger kehren zurück nach Galiläa, wo sie zu Hause sind. Sie fangen wieder an zu fischen auf dem See Tiberias. Die Wogen haben sich geglättet, die Ungewissheit freilich bleibt. Bis Jesus, der Auferstandene seinen Jüngern ein letztes Mal erscheint am See Tiberias in Galiläa, da wo alles begann. Sie essen noch einmal zusammen.

Dann nimmt Jesus Petrus beiseite und fragt ihn: Simon, eine Frage: liebst du mich?

Ein vertrautes Zwiegespräch am Ende des Evangeliums. Ein Epilog über die Liebe, über das Hirtenamt und über den Märtyrertod. Jesus und Petrus, der Herr und sein Jünger, ein letztes Mal.

 

Der Kardinal

Unsere Geschichte lässt sich unterschiedlich deuten. Vor meinem inneren Auge stelle ich mir drei Ausleger vor, einen Kardinal, einen Neutestamentler und eine Skeptikerin.

Zuerst der Kardinal. Sein roter Hut liegt vor ihm auf dem Schreibtisch, er studiert noch ein Dossier, gleich ist er fertig. Er klappt das Buch zu, schaut auf und sagt: Der Fall ist klar, wir haben eine Enzyklika. "Lumen gentium", da ist klar geregelt: In dieser Geschichte wird Petrus zum Hirten über die gesamte Kirche eingesetzt. Weide meine Schafe: dreimal hört Petrus diesen Auftrag. Christus setzt Petrus in sein Hirtenamt ein, so fährt unser Kardinal fort, er macht ihn zum Oberhirten über alle Christen, und zwar ihn allein. Petrus ist der Fels der Kirche, er ist ihr Hirte. Und ein zweites: - Der Kardinal beugt sich vor. - Petrus starb als Märtyrer in Rom. Das deutet Jesus in dieser Geschichte an. Als er jung war, gürtete er sich selbst, also: krempelte die Ärmel hoch und tat, was er wollte. Als er alt war, gürtete ihn ein anderer: er wurde gefesselt und wegen seines Glaubens an Jesus in Rom hingerichtet. Petrus in Rom: das macht ihn, den Hirten und den Fels der ganzen Kirche, zum Vorgänger aller Päpste, den jetzigen Bischof von Rom eingeschlossen.

Deshalb ist jede Entscheidung von einzelnen Priestern, von Synoden und Bischöfen nur dann gültig, wenn sie mit dem Bischof von Rom abgestimmt ist. Ob Schwangerenberatung oder Klima-Theologie: wir sollten einer Meinung sein. Der Papst übernimmt die Autorität und die Leitungskompetenz, die der Herr dem Petrus übertragen hat.

Der Neutestamentler

So weit der Kardinal. Nun zum Neutestamentler, dem Experten für die Bibelwissenschaft. Mit seinem Fahrrad schlingert er über das Kopfsteinpflaster der Universitätsstadt. Er steigt ab, nimmt seine Aktentasche vom Gepäckträger, und auf dem Weg zum Hörsaal sagt er: Also, das ist schon richtig, dass Petrus ein Hirtenamt bekommt und damit die Verantwortung, anderen Menschen Orientierung im Glauben zu geben. Aber man muss die Geschichte im Zusammenhang mit dem Rest des Evangeliums sehen. Denn da macht Petrus keine besonders gute Figur!

Dreimal fragt Jesus ihn, ob er ihn liebt. Diese Frage steht am Ende des Evangeliums, das heißt: sie hat eine Vorgeschichte. Denn dreimal hatte Petrus Jesus verraten. Es war am Abend seiner Verhaftung im Innenhof des Tempels. Petrus schleicht dem Verhaftungskommando hinterher. Bis sie Jesus zu den Tempelgebäuden bringen zum ersten Verhör. Petrus bleibt draussen, er wärmt sich am Kohlenfeuer der Knechte. Eine Magd mustert ihn, dann ein anderer Knecht. Du gehörst auch zu diesem Jesus, sagen sie. Nein, sagt Petrus. Doch, sagen die anderen, dein galiläischer Akzent verrät dich. Dreimal streitet Petrus das ab, dann krähte der Hahn. Dieser Film muss Petrus jetzt vor seinem inneren Auge im Eiltempo vorbeigelaufen sein. Daher die dreimalige Frage: hast du mich lieb?  Petrus, immer hin- und her geworfen zwischen Begeisterung und Verzweiflung. Ich will mein Leben für dich geben, (Jh 13,38) hatte er zu Jesus einmal gesagt. Und: Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen! (Lk 22,23) Am Ende waren das leere Versprechungen. Von wegen felsenfester Glaube! Petrus, der Jünger mit der Schwäche für`s Halbstarke, hatte versagt, als er sich zu seinem Freund, dem er jahrelang nachfolgte, bekennen sollte. Ob er das Zeug zum Oberhirten hatte?

Wie auch immer, - der Neutestamentler öffnet die Tür zum Hörsaal - kein Wunder, dass Jesus es genau wissen will und dreimal nachfragt. Trau, schau, wem, bevor du jemandem ein Hirtenamt gibst. Johannes 21 ist die Geschichte einer gründlichen Wiedergutmachung.

Die Skeptikerin

Das sieht die Skeptikerin anders. Mit verschränkten Armen steht sie an der Fensterbank und schüttelt den Kopf. Diese Geschichte ist immer als eine Geschichte der Blamage und der Wiedergutmachung verstanden worden, sagt sie und drückt ihre Zigarette aus.

Aber es sollte doch wohl reichen, wenn jemand dir sagt: ich habe dich lieb! Warum das entwerten durch wiederholtes Nachfragen. Was gibt es Wertvolleres als so eine Liebeserklärung. Gut, Petrus hatte Jesus verleugnet. Aber dreimal nachfragen wegen einer dreimaligen Verleugnung: auf einer solchen Rehabilitation zu bestehen, ist pedantisch und albern. So, als wenn ein Prüfer den Kandidaten mehrfach fragt, ob er sich die Antwort auch gründlich überlegt hat.

Warum glaubt Jesus dem Petrus seine Liebe nicht? Die Liebe rechnet das Böse nicht an, sie ist nicht nachtragend, heisst es im Hohen Lied der Liebe bei Paulus (1. Korinther-Brief, Kap. 13). Wenn Jesus Petrus liebt, warum hakt er so nach?

Kein Wunder, fährt die Skeptikerin fort, dass es beim dritten Mal heisst: Petrus wurde traurig. Wer so aufläuft, ist traurig, gekränkt, beleidigt. Jedenfalls: wenn mir jemand, den ich mag, sagt: Ich halte zu dir... - dann lasse ich mir das nicht zweimal sagen, bevor ich es glaube!

 

Neu anfangen

So weit die drei Auslegungen und Meinungen zu dem Gespräch zwischen Jesus und Petrus. Ich verstehe diesen letzten Einwurf ganz gut. Was hat es mit dem dreimaligen Nachfragen auf sich, frage ich mich. Ist es nur, weil Petrus Jesus dreimal verleugnete und das jetzt dreimal wieder gut machen soll?

Ich glaube nicht. Die dreifache Frage und Antwort ist weniger eine Gelegenheit für Jesus, seinen Jünger zu prüfen als vielmehr eine Gelegenheit für Petrus, über seine Schuld zu sprechen. Dieser veränderte Blickwinkel ist mir wichtig. In unserer Geschichte geht es nicht um ein peinliches Verhör, sondern um Versöhnung, um neugewonnene Liebe.

Liebst du mich? Die Antwort kann Zeit brauchen nach enttäuschten Erwartungen. Denn die Worte des Verrats lassen sich nicht zurückholen, lassen sich nicht ungesagt machen. Gesagt ist gesagt. Die Frage legt den Finger in Petrus Wunde: er hatte seinen Freund verleugnet, nun kann er ihm sagen, dass er ihn liebt. Ich stelle mir vor, dass Petrus das auf den Nägeln brannte, zu sagen: Ich liebe dich, du kennst mich, so wie ich wirklich bin, so, wie ich sein möchte. Du weisst, wie ich es meine. Vergib mir. Die Schuld, die Versäumnisse werden angesprochen, das braucht Zeit. Jesus und Petrus: sie hatten drei Jahre miteinander verbracht. Nun fangen sie neu an. Diesen Neuanfang traut Jesus ihrer Beziehung zu. Nicht, indem Jesus sagt: Schwamm drüber, wird schon wieder, sondern indem sie mit einander reden. Dafür stehen die drei Fragen.

Neuanfang: Am Ende des Evangeliums und am Ende unserer Geschichte sagt Jesus zu Petrus: Folge mir nach. Fing mit diesem Satz nicht auch alles an? Folge mir nach - das hatte Jesus zu Anfang seiner Zeit gesagt, als er die Jünger berief. Nun sagt er es noch einmal, am Ende, nach dem Leiden und der Auferstehung. Folge mir nach, jetzt wo du weisst, wohin das führen kann.

Jetzt, wo du deine Stärken und Schwächen kennst. Wo du auch dein  Versagen kennst. Erzähl anderen von deinen Erfahrungen im Glauben. Davon, wie schön der Glaube sein kann. Erzähl von deinem Idealismus und von deinen Enttäuschungen. Erzähl auch von deinen Zweifeln, von deiner Unsicherheit. Weide meine Schafe. Nur wer die Gefahr vor dem bösen Wolf kennt, kann auch Schafe weiden, kann anderen eine Orientierung sein.

Hirte

Jesus sucht sich als Säulen seiner Gemeinde keine Helden aus, sondern Menschen wie dich und mich. Fehlbar, mit Brüchen in ihrem Leben, Menschen, die sensibel werden können. Nicht sentimental, sondern realistisch genug, um zu wissen, dass in ihrem Glauben und in ihrem Leben nicht alles glatt läuft. Und die von der Vergebung wissen. Und lieben können.

Hirte zu sein, anderen Orientierung im Glauben und in schönen und in schwierigen Lebenssituationen zu geben - das ist nicht an ein Amt gebunden, das kann jede und jeder.

Corona und Ungeduld

Pfarrerin Stefanie Pensing zum 1. Petrusbrief am 26.4.2020

Osternacht