Vater Unser

Jede/r kennt es. Das berühmte Gebet hat viele Details, die es in sich haben.

Vater?

Jesus sprach Gott voll Vertrauen an: Als „mein Vater“. Nicht: „Großer Gott, Schöpfer des Universums“, wie es auch üblich war und ist in der Synaoge.
„Mein Vater“, auf hebräisch: Avi! Das hat so etwas wie unser „Papa“! Hört sich für viele gut an.
Für andere nicht. Denn sie denken bei „Vater“ oder „Papa“ an den eigenen Vater. Zu männlich, zu weit weg. Zuviel Gewalt. Der Patriarch daheim. Der Mann, den es kaum gab.
Stimmt da dieses Bild von Gott, dem du vertrauen sollst und kannst?

In der Bibel gibt es viele andere Namen und Bilder für Gott. Auch weibliche. „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66,13). Oder wie eine Adlermutter: Wie ein Adlerweibchen ihre Jungen ausführt und über ihnen schwebt, so breitet Gott Schwingen aus zu deinem Schutz. (Dtn 32,11) Und öfter.

Der Heilige Geist im Hebräischen ist weiblich. Weil wir aber grammatikalisch schlecht von der Geistin sprechen können, sagen viele: Heilige Geistkraft.

Ungewohnt für viele. Für andere aber wird Gott vertrauter.

Geheiligt

Der französische Pianist Julien Brocal wollte das „Vater Unser“ in der Vertonung von Arvo Pärt, aufnehmen. Dafür suchte er einen besonderen Sänger, den er noch nicht kannte. Julien Brocal fand ihn über seine Plattenfirma. Der Sänger: Thomas Cai, 13 Jahre alt.
Der Junge wohnt in Wales, 250 km von Paris entfernt. Die beiden nahmen während Corona das Stück in Distanz auf, ohne sich jemals zu treffen.
 

 

Geheiligt werde dein Name.
Gott ist heilig.
Was ist noch alles so heilig?
Einige schrieben etwas auf.

Ein Psalm. 

Gott, du bist heilig. Besonders.
Du schenkst uns alles, was glänzt.

Essen
Respektvoller Umgang miteinander
Lichtglitzern auf dem Meer
Die Familie
Lieblingsmensch
Freundschaften
Das  Leben und die Ruhe auf der Straße, in der ich lebe.
Zusammenhalt
Sonnenaufgang
Friedliches Miteinander

Gott, du bist heilig. Besonders.
Du schenkst uns alles, was glänzt.
Amen.

    Im Himmel wie auf Erden

    Der Himmel ist auch in der Bibel der Ort, an dem Gott wohnt.
    Aber, und darum geht es im Christentum: Gott wohnt genauso auf der Erde.

    • Einen Blick in den Himmel und zurück auf die Erde warf Matthias Maurer. Der Astronaut war bis Mai ein halbes Jahr lang auf der Raumstation ISS, zusammen mit russischen Kosmonauten. Wie die mit einander klar kamen? Zur Ukraine waren sie einer Meinung, sagte Thomas Maurer nach seiner Rückkehr. "Streit oder Krieg von oben aus gesehen, das wirkt nochmal 100mal irrationaler als vom Boden aus gesehen."
       
    • Das Interview: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1036319.html
       
    • Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Das ist gleichzeitig eine Bitte um den Frieden. Es gibt wahrlich einen Grund, warum das Vater Unser seit fast 2000 Jahren jeden Tag und jede Nacht, jede Stunde um die ganze Welt gebetet wird.

    Täglich Brot

    In jeder Zeitung, in allen Nachrichten geht es um das tägliche Brot:
    das, was Menschen zum Leben brauchen.
    Frieden. Freisein. Genug Geld.
    Überhaupt genug zu essen.

    Dagmar Pruin ist Pastorin und Präsidentin von „Brot für die Welt“.
    Auf der Landessynode der westfälischen Kirche sagte sie im Juni:
    Die Haupteinnahme-Quelle von „Brot für die Welt“ sind die Weihnachtskollekten. Die sind seit 2 Jahren weg gebrochen. Gleichzeit steigt der Hunger an.
    Der Klimawandel, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie, Konflikte und nicht zuletzt die dramatischen Folgen des Ukraine-Kriegs haben die Welt an den Rand der größten humanitären Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gebracht. Energie, Getreide und Lebensmittel werden von Tag zu Tag teurer. Ein Teufelskreis – und die Warnungen vor einer Hungerkrise werden immer lauter.

    Was soll man da tun? Es ist einfach und schwer zugleich: Nicht aufhören. Weiter den Hunger bekämpfen. Brot für die Welt macht das.

    Spende hier für Brot für die Welt

    Führe uns nicht in Versuchung

    • Vor ein paar Jahren gab es ernsthafte theologische Bedenken gegen diesen Satz. Könnte Gott uns denn in Versuchung führen? Wie kann das sein? Muss man die Bibelstelle nicht anders übersetzen oder umschreiben? „Führe uns in der Versuchung?“
      "Wissen Sie", sagte mir eine Frau vor einiger Zeit am Telefon, "ich bete das Vater Unser jetzt immer so: Führe mich in der Versuchung. Alles andere passt nicht zu meinem Bild von Gott."
      Wörtlich ist es im Vater Unser aber anders. Da steht: Führe du, Vater, uns nicht in Versuchung.
      Das setzt voraus, dass Gott unsere Versuchungen kennt. Gott ist in allem dabei, mitten im Leben, er kennt die Höhen und die Tiefen und die Abgründe unseres Lebens. Unsere Abwege sind Gott vertraut. Gott weiß, wovon wir uns verführen lassen.
    • Alles gehört zum Leben. Das Gute und Schlechte, ans Ziel kommen und auf Irrwege geraten.
      Das wusste auch schon der Prediger zu berichten. Alles hat seine Zeit, schreibt er im 3. Kapitel.
      Geboren werden und Sterben, Pflanzen und Ausreißen,
      Töten und Heilen, Niederreißen und Aufbauen,
      Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen,
      um nur einige Paare zu nennen. Im folgenden heißt es dann auch:
      Für alles auf der Welt hat Gott schon vorher die rechte Zeit bestimmt.
      Alles liegt in Gottes Hand, das schließt die Versuchung nicht aus.

    Vergib uns unsere Schuld

    Jemandem zu vergeben, ist außergewöhnlich.
    Normalerweise zahlen wir es ihm oder ihr heim, entweder sofort oder auch Tage, manchmal Wochen später.
    Sei es auf dem Schulhof oder auf der Autobahn, sei es unter Kollegen oder in der Familie:
    Die Kränkung, unverschämtes Verhalten, die dumme Bemerkung, den Betrug lassen wir in der Regel nicht auf uns sitzen.
    Wir revanchieren uns. Man muss ja nicht gleich handgreiflich werden.
    Wir vergelten es dem anderen auch, indem wir ihn wie Luft behandeln oder schlecht machen.
    Uns wird schon etwas einfallen. Rachegefühle sind etwas Natürliches.

    So gesehen ist es fast unnatürlich, jemandem zu vergeben.
    Weil die Vergebung niemand erwarten, geschweige denn einfordern kann.
    Vergebung ist wie ein Neuanfang. Sie zerbricht den Teufelskreis „Wie du mir, so ich dir.“
    Jemandem in einer bestimmten Situation zu vergeben, ist für den anderen verblüffend, entlastend, es tut gut.
    Übrigens auch für mich selber: Ich löse mich von dem Ärger und Konflikt.
    Schüttle den Staub von den Füßen.

    Vergib uns unsere Schuld.
    Vergebung ist kostbar.
    Zur eigenen Schuld stehen zu können, ist auch schon mal ein Anfang.
    Dazu der Kurzfilm hier aus Schweden: Rücken frei (We got your back).

     

    „We got your back / Rücken frei“ - ein Kurzfilm mit einem Augenzwinkern, der zig Preise auf Filmfestivals abgeräumt hat.
    Die ernste Seite: wir brauchen manchmal weniger freien Rücken. Wohl aber mehr Rückrat.
    Um zu eigenen Fehlern stehen zu können, zum eigenen Verhalten. Das geht auch ohne die moralische Keule.
    Es geht darum, Verantwortung zu sehen. Dann vielleicht was zu ändern.

    Das Thema „Schuld“ lässt uns nicht los. Sollte es nicht.
    Denn es gibt eben keine Organisation „Rücken frei“, die uns von der Verantwortung los kauft.
    Es gibt keine Ablassbriefe mehr.

    Aber wen es gibt, das ist Gott!
    Der uns Wege zeigt zur Vergebung, zur Verantwortung,
    zu dem, was für uns und andere richtig ist.

    Vater Unser

    Hiob

    Die biblische Geschichte von Hiob und die Frage: Warum lässt Gott das Leid zu? 
    von Ralph Frieling

    Vom Highlight in den Alltag und zurück

    Corona, Krieg, Inflation, Klima
    Krisen kosten Energie und führen zur Erschöpfung.

    Was sind Kraftquellen?
    Dazu eine Geschichte aus der Bibel.
    Zugegeben, diese Geschichte ist zunächst einmal sehr abgehoben
    und schwebt über den Dingen.

    Vielleicht inspiriert sie gerade deswegen.

    Petrus und die Verschwörungstheorien

    Angedacht 

    Thomas

    Stück über den Zweifel

    Der Glaube wird tiefer, wenn Fragen und Zweifel zugelassen werden. Wer die eigenen Zweifel kennt, wächst im Glauben. Eine biblische Geschichte, neu erzählt.

    Thomas ist Mitte 30 und weiß, was er will. Und vor allem, was er nicht will. Eigenbrötler, nennen ihn manche. Weil er sich oft zurückzieht. Er denkt viel nach.

    Früher, als Kind, saß er oft bei Opa und Oma und hörte sich Geschichten an. Mit großen Augen. Entdeckte alle Geheimnisse in der Natur, am See und im Wald. Schöne Kindertage waren das.

    Irgendwann wurde er kritisch. Wollte alles wissen. Sei nicht immer so ernst, sagte seine Mutter zu ihm. Wieso, sagte Thomas und zuckte mit den Schultern. Einmal hatte ihn sein Lehrer bloßgestellt. Völlig unfair. Da ist er hin und hat in der Schule protestiert. Nutzte natürlich nichts. Aber Thomas schwor sich, in Zukunft nicht so schnell klein bei zu geben.

    Vor einigen Jahren starb seine kleine Schwester. Wieso? Er fragte das die Ärzte, die sagten: Ist manchmal so. Er fragte das die Freunde. Die sagten: Wird schon wieder. Er fragte das Gott. Aber eine Antwort hörte er da auch nicht. Wieso konnte ich sie nicht beschützen, fragte er sich selber.

    All das hat Thomas vorsichtiger gemacht, ernster, ein bisschen härter, und kritischer. Realistisch eben. Ihm macht keiner etwas vor.

    Neu anfangen

    Einmal kam ein Fremder ins Dorf. Der sah sich um und sah Thomas. Sieht aus wie einer, den ich gut gebrauchen kann, sagte sich der Mann. Den frage ich, ob er mir folgen will.

    Thomas dachte sich: mal sehen. Und folgte dem Fremden.

    Zwei Jahre ging er mit Jesus und den anderen elf Jüngern. Manchmal runzelte er die Stirn und rollte mit den Augen, etwa als Jesus dem Zöllner sagte, ihm seien seine Gaunereien und korrupten Tricks vergeben, einfach so.

    Bei anderen Gelegenheiten musste er unwillkürlich lächeln, zum Beispiel bei der Geschichte mit dem alten, gelehrten Nikodemus. Der wusste doch wirklich alles über die Bibel. Wie der Jesus mal nachts besucht hatte, heimlich, und ihn fragte, ob einer neu anfangen kann. Wie er dann Stunden später in die Morgensonne trat und fort ging, aufrecht und befreit, da hatte er sich für den Alten gefreut. Bei solchen Gelegenheiten bewunderte er Jesus. Ansonsten blieb er aber immer ein bisschen auf Distanz.

    Es nahm kein gutes Ende. Jesus starb am Kreuz. Wieso? Fragte Thomas. Wieso hat Gott ihn verlassen?

    Dann, zwei Tage später - Thomas war unterwegs und kommt spät abends zu den anderen Freunden zurück, ist große Aufregung: Die Jünger sind alle durcheinander, und reden auf ihn ein: Wir haben den Herrn gesehen. Er ist uns erschienen. Er ist auferstanden.

    Thomas schaut um sich, dann nach unten, schüttelt den Kopf. Und hebt die Hände mit gespreizten Fingern zwischen sich und die anderen, wehrt ab, was an Froher Botschaft und Eifer und Erwartung auf ihn einprasselt. Nicht so schnell.

    Er hat Jesus sterben sehen. Auferstehen, was soll das? Wunschtraum, Halluzination, denkt er. Und noch viel schlimmer: ein Spiel mit falschen Hoffnungen. Das glaube ich nicht, hat er gesagt. Doch, echt, sagen die anderen, er lebt! Müsste ich erst sehen und selber fassen, sagt Thomas. Die anderen: Aber wenn wir es dir doch sagen!

    Thomas ist nicht überzeugt. Hört auf, sagt er. Tot ist tot.

    Dann sagt er nichts mehr, die anderen auch nicht. Eine ganze Woche lang gehen die Jünger ein und aus. Und sie gehen sich aus dem Weg. Und sie gehen sich auf die Nerven: Lebt Jesus jetzt oder lebt er nicht?

    Nach acht Tagen kommt Jesus wieder zu ihnen. Thomas sieht den Auferstandenen, darf ihn berühren und lässt sich von ihm berühren. Er macht seine eigene große Erfahrung und lernt: Indem ich den Zweifel zulasse und aushalte, kann mein Glaube anders werden, tiefer und reifer.

    Nach Thomas ist übrigens eine der ältesten Kirchen der Welt benannt. In Süd-Indien an der Malabar-Küste leben die Thomas-Christen. Thomas hat sich von den anderen in der Urkirche abgesetzt und ist seine eigene Reise angetreten. Quer über den Ozean. Und er hat in Indien die erste christliche Gemeinde gründet. Noch heute gibt es sie dort, die Thomas-Christen – und ihre Erzählung vom Anfang.

    Zu welchen Ufern macht sich der realistische, kritische Thomas von heute auf? Wem begegnet er? Wovon lässt er sich berühren?

    Die Geschichte in der Bibel:

    Johannes-Evangelium, Kap. 20, Verse 24-29

    24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben.

    26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! 27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

    Ralph Frieling: „Spurensuche - Gedanken zur Woche“ (Deutsche Welle 20.6.2020)

    Bäume

    Angedacht

    von Emanuel Behnert

    Worte: leer oder stark

    Worte können viel bewirken. Gedanken zu einer biblischen Geschichte von Ralph Frieling

     

    Pfingsten

    ... kennt jeder.
    Langes Wochenende
    Kirchenfest im Frühjahr. 

    Da war was.
    Der Heilige Geist kommt auf die Menschen. 

    Was steckt dahinter?
    Dazu der Film. 

    In Zusammenarbeit mit Heinrich Buttermann, Leona Holler, Ralph Frieling. Mit Detlef Zapf.

    Hochzeit

    Hochzeit zu Kana

    von Pfarrerin Leona Holler

    Barmherzig

    Was so dran ist 

    "Krieg" 
    "Impfen statt Schimpfen"
    "Lockdown schon wieder?"
    "Klima. Dürre."
    "Fakenews und Blasen"
    "Wie lange noch?"

    All das bleibt uns erhalten.

    Und sonst? Womit bekommen wir es sonst noch zu tun?

    In unserer Kirche haben wir starke Sätze:
    Worte aus der Bibel, die einen auf andere Gedanken bringen, die den Horizont weiten.
    Vielleicht. 

    "Seid barmherzig wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist."

    Das sagt Jesus in der Feldrede bzw. Bergpredigt (Lukas-Evangelium 6,36). Schon das Wort "Barmherzigkeit" klingt wie aus einer anderen Welt. Die Bibel hebt solche kostbaren Wörter für uns auf. 

    "Barmherzig sein": das klingt nach generösen Almosen, die ich halt Bedürftigen gebe oder auch nicht. Einerseits. Andererseits ist "Barmherzigkeit" etwas sehr ernstes, stärkendes.

    "Barmherzig" heisst soviel wie zugeneigt, sorgsam, gut, human, grosszügig, neidlos, empathisch, ruhig, weitherzig, un-egoistisch, zuvorkommend, friedfertig, sorgfältig, gelassen. Suchen Sie sich eines aus.  

    Von all dem leben wir. Zu all dem sind wir fähig. All das kann die kommende Zeit für uns bereit halten.

    Neu

    Zacharias ist ein später Vater. Er hält das Neugeborene auf dem Arm, vorsichtig wie eine Stiege Eier. Zacharias weiß nicht, wohin mit seinem Glück. 

    Von Ralph Frieling

     

    Weihnachten

    Andacht für zu Hause auf kirchenjahr-evangelisch.de


    Wir halten Ausschau nach dem Licht, das in die Welt kommen soll.
    Nach Hilfe und Kraft. Nach Frieden.
    Wir sehnen uns nach dem Tag, an dem diese mühevolle, dunkle Zeit nicht mehr ist.

    Mach mit Deiner Gegenwart unsere Vergangenheit hell, Gott.
    Lass uns lernen, wofür wir dankbar sein können.
    Mach unsere Gegenwart hell.
    Lass uns liebevoll miteinander leben.
    Mach unsere Zukunft hell.
    Zeig uns, worauf es sich lohnt zu hoffen.

    Wir warten und wachen und beten.
    Du bist ja lange schon da.
    Mach uns bereit dafür, dir zu begegnen.

    Neues

    Heinrich Schütz: Singet dem Herrn ein neues Lied

    Memoiren eines Sängers und Königs

    Musik ist gut, um sich ab zu reagieren und um zur Ruhe zu kommen. Oder um sich auf zu rütteln. Musik setzt Gefühle frei und öffnet etwas, was gesprochene Worte nicht vermögen. Die biblische Geschichte des berühmtesten Sängers in der Bibel, König David (1. Samuel 16).

    Ich wollte schon immer Musik machen und Sänger sein. Seit ich elf oder zwölf war, war dies das einzige, das mich interessierte. Meine älteren Brüder nahmen mich nicht ernst. Wenn ich nur auf Steinen und Drums getrommelt hätte, das hätten sie verstanden, aber ein Junge, der singt? Das war nichts für starke Kerle. Sie schüttelten den Kopf, wenn ich summend an ihnen vorbei lief und Melodien erfand. Muttersöhnchen, sagten sie. Nur Großvater verstand mich. Er rief mich zu sich und schenkte mir meine erste Laute. Ich nahm das Instrument mit beiden Händen, probierte die Saiten aus und brachte mir das Laute-Spielen selber bei. Ich verzog mich raus auf die Felder, um die Schafe zu hüten und spielte und sang, wann immer ich die Zeit dafür hatte.

    Eines Tages kam ein alter Priester zu uns nach Hause, der redete etwas von Königen und fasste mich ins Auge. Alle guckten mich an. Der Alte hielt seine Hände über mich und sagte, Gott wolle mich segnen. Dann verschwand er.

    Nicht, dass ich mir etwas auf diese Begebenheit einbildete. Ich verstand den Priester ohnehin nicht mit meinen vierzehn Jahren. Aber eine Sache stimmte: Ich sollte bald darauf in den Palast kommen. König Saul suchte einen Musiker, der Harfe spielt. Ein Bekannter von mir, ein paar Jahre älter als ich, war im Palast angestellt, und der empfahl mich: Ich kenne da einen, den Sohn von Isai aus Bethlehem, schaut euch den mal an. Er hatte mich dann in den höchsten Tönen gelobt und meinte, ich könne nicht nur Musik machen, sondern sei zudem noch mutig und clever, jedenfalls nicht auf den Kopf gefallen, und wer weiß, wofür man so einen kräftigen Burschen wie mich noch brauchen könne. Kein Wunder, dass bald ein Bote aus dem Palast auftauchte und meinen Vater überredete, mich zum König ziehen zu lassen.

    Da war ich also. Ich wurde einer der königlichen Waffenträger. Meine Brüder wurden still, als sie das hörten. Von wegen Muttersöhnchen! Saul mochte mich.

    Was es aber mit dem König noch auf sich hatte, davon konnten alle ein Lied singen. Er trug eine Menge Wut mit sich herum und konnte schnell explodieren, so dass sein Brüllen im ganzen Palast zu hören war. An anderen Abenden fiel er in Depressionen. Sich mit ihm zu unterhalten, war mühselig. Er war nicht ansprechbar. In solchen Momenten drang niemand durch die unsichtbare Mauer, mit der er sich umschloss. So spielte ich ihm meine Lieder. Er entspannte sich. Das sagte er selber in lichten Momenten: Wenn du singst, wird es mir leicht, ich sehe weiter, ich komme zur Ruhe.

    Mir selber ging es auch so. Einige Zeit später - das war nach der Sache mit dem Riesen Goliath, den mein Steinwurf zu Boden riss - wendete sich das Blatt. Der König wurde eifersüchtig auf meinen Erfolg und versuchte sogar, mich um zu bringen. Einmal warf er einen Speer nach mir. Da verschwand ich und versteckte mich in einer Höhle in den Bergen.

    Ich saß da, improvisierte Akkorde und sang so eine einfache Melodie: Sei du mir gnädig, Gott, auf dich traut meine Seele, bis das Unglück vorüber ziehe. Schaffe mir weiten Raum... (Psalm 57,1-2) Das Singen gab mir Kraft und ich meinte es so: Der Gedanke an Gott ließ mich hoffen.

    Jahre später wurde ich König, Nachfolger von Saul. Was soll ich sagen: Mein Erfolg verwandelte mich immer mehr zu einem Egozentriker. Das kann der bescheidensten Person passieren. Du trägst die Krone auf dem Kopf und es es macht „Klick“ und irgendwann nimmt man nichts mehr wahr außer sich selbst. Mit Bathseba hatte ich mich verrannt. Diese bildhübsche Frau! Ich wollte sie haben und nahm sie mir. Ihren Mann, den Soldaten Uria, ließ ich in die vorderste Front schicken, wo er starb. Als der Prophet Nathan mir meine Sünde vorhielt, wurde ich still. Gott, sei mir gnädig, schaffe in mir ein reines Herz, vergib mir, diese Worte murmelte ich vor mich hin, rief sie, sang sie, nächtelang (Psalm 51). Ich bin mir sicher: Gott vergab mir.

    Und heute? Ich bin alt geworden. Meine Laute hängt über meinem Lager. Morgens singe ich immer noch (Psalm 57,9): Wach auf, meine Seele, wach auf, Harfe, das Morgenrot will ich wecken!

    Sonntag Kantate, 10.Mai 2020 | Pfarrer Ralph Frieling 

    Noah wartet

    Alle warten darauf, dass das Leben normal und ohne Einschränkungen weiter gehen wird. Auch wenn sich diese Zeit nicht abkürzen lässt, ändert sie vielleicht unsere Haltung zum Leben. Dazu eine alte Geschichte über das Warten.

    Die Arche Noah

    Die Geschichte von der Arche Noah ist eine der Ur-Geschichten der Bibel (1. Mose 6-8). Nicht weil sie vor langer Urzeit so passiert wäre, sondern weil sie etwas Ur-typisches über uns Menschen erzählt.

    Lassen wir den alten Noah selbst im Interview zu Wort kommen.

    RF Es war gar nicht leicht, Sie zu ausfindig zu machen, Herr Noah! Obwohl Sie ja sehr bekannt sind mit der Arche und der Sintflut. Sie hatten die Flut mit Ihrer Familie überlebt.

    Noah Ich war nicht der einzige. Viele haben überlebt.

    RF Wie meinen Sie das? Die Bibel berichtet, Sie waren die einzigen: Sie, Ihre Frau, Ihre drei Söhne und Schwiegertöchter.

    Noah Es kamen ja immer wieder Stürme über die Welt. Krisen - wie Fluten, wo Menschen jeden Boden unter den Füßen verloren.

    RF Den Boden verlieren?

    Noah Kriege zum Beispiel. Naturkatastrophen. Aber auch im privaten: die Diagnose einer schweren Krankheit wirft einen um. Verlorene Beziehungen oder wenn einer stirbt: das alles lässt einen ins Bodenlose versinken.

    RF Was gab Ihnen Bodenhaftung?

    Noah Die Arche. Gott gab mir den Auftrag die Arche zu bauen. Einhundert Meter lang, fünfzehn breit und drei Stockwerke hoch.

    RF Ein frühzeitlicher Wolkenkratzer.

    Noah Ja, aber ohne Fenster. Da war nur eine Luke oben. Die Arche war alles andere als eine Fregatte oder Hochsee-Yacht. Eher ein Holzkasten, überdimensional zurecht gezimmert und provisorisch.

    RF Und dann?

    Noah Dann fing es an, aus Eimern zu schütten. Den Tag weiß ich noch genau. Tropfen, die wie Fäuste auf den Staub schlugen. Binnen weniger Stunden schoss das Wasser die Straßen entlang. Erst war es faszinierend, dann beängstigend. Der Regen hörte nicht auf. Nach drei Tagen stand alles unter Wasser, Bäume waren entwurzelt, das Leben war fortgespült. Irgendwann hörten wir ein lautes Knarzen, die Arche bekam Auftrieb, schlingerte, schwamm.

    RF Und Sie wussten nicht, wohin.

    Noah. Das war nicht wichtig. Hauptsache, wir waren gerettet. Aber ich dachte mir auch: Hoffentlich wird die Arche nicht zu unserem Sarg. Das war die Kehrseite der Rettung: wir waren auch gefangen.

    RF Was haben Sie die ganze Zeit mit sich angefangen?

    Noah Gute Frage. Erst haben wir die Zeit zusammen genossen. Aber die Stimmung kippte bald auf engem Raum und mit dem ständigen Regen, wie er auf das Dach prasselte. Wussten Sie, dass es 150 Tage und Nächte goss?

    RF Fast ein halbes Jahr.

    Noah Die Nerven lagen blank. Einmal schrie mein Sohn: Ich halt`s hier nicht mehr aus, der Regen hämmert, ich will raus, ich will mein Leben zurück, aber da ist nichts mehr!

    RF Und die Tiere?

    Noah Die Leute glauben immer, wir hätten nur Däumchen gedreht. Aber kümmern Sie sich mal um tausend Tiere! Jeder Zoodirektor weiß, wovon ich rede. Im Talmud haben sie sich später noch die Sache mit dem Löwen erzählt.

    RF Was war passiert?

    Noah Wir hatten rund um die Uhr mit der Fütterung zu tun. Einmal war ich zu spät dran und besagter Löwe biss mich hungrig in den Arm.

    RF Und nach dem halben Jahr, als der Regen aufhörte...

    Noah ... war das natürlich ein besonderer Moment. Wir rannten zur Dachluke und schauten hinaus. Nur, was wir sahen, war die offene See. Da dämmerte uns, dass wir noch lange warten müssen. Nach mehreren Tagen knarrte es gewaltig unten im Bug. Wir waren auf Grund gelaufen auf dem Berg.

    RF Ein glückliches Ende!

    Noah Von wegen! Wir konnten längst noch nicht raus. Das Wasser stand zu hoch. Das Warten ging weiter, und ich sage Ihnen, wir waren müde! Insgesamt dauerte es noch einmal über sechs ganze Monate, bis sich das Wasser vollständig verlaufen hatte und die Pflanzen wieder grün waren. Erst dann verließen wir die Arche.

    RF Mit den Tieren.

    Noah Allein die Pferde: wie die drauf los galoppierten. Die Schafe und Ziegen sprangen umher.

    RF Sie haben die Freiheit genossen!

    Noah Ein unbeschreibliches Gefühl. Wir spürten festen Boden unter den Füßen. Ein ganzes Jahr lang waren wir in dem Kasten.

    RF Ein verlorenes Jahr?

    Noah Na ja, das würde ich so nicht sagen. Im Rückblick war es nicht vergeblich. Das Leben wurde kostbarer nach diesem Jahr.

    RF Eine letzte Frage: Haben Sie eigentlich Gott gespürt in dieser Zeit?

    Noah Not lehrt beten, sage ich Ihnen. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist. Ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen, habe ich gebetet (Psalm 69). Aber auch die Dankbarkeit lehrt beten.

    RF Danke für das Gespräch!

    von Ralph Frieling

    Petrus - erster Papst?

    Die Geschichte in der Bibel:

    Nach dem Frühstück sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?« Er antwortete ihm: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« Da sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Lämmer!«

    Dann fragte er ihn ein zweites Mal: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?« Petrus antwortete: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Führe meine Schafe zur Weide!«

    Zum dritten Mal fragte er ihn: »Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?« Da wurde Petrus traurig, weil er ihn zum dritten Mal gefragt hatte: »Hast du mich lieb?« Er sagte zu Jesus: »Herr, du weißt alles! Du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Schafe! Amen, amen, das sage ich dir: Als du jung warst, hast du dir selbst den Gürtel festgebunden. Du bist dahin gegangen, wohin du wolltest. Aber wenn du einmal alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken. Dann wird jemand anderes dich festbinden. Er wird dich dahin führen, wohin du nicht willst.« Mit diesen Worten deutete Jesus an, wie Petrus einst sterben würde und wie er dadurch die Herrlichkeit Gottes sichtbar machen sollte. Dann sagte Jesus zu Petrus: »Folge mir nach!«

    (Johannes-Evangelium, Kap. 21, Verse 15-19)

     

    Liebst du mich?

    Weißt du, was mir fehlt, was ich gebraucht hätte? Hast du mich lieb? Fühlst du dich noch wohl bei mir? Oder ist sie erloschen, die Liebe, jetzt, wo alles vorbei ist, wo wir uns schon so lange und so genau kennen. Können wir noch einmal von vorne anfangen? Oder lieber nicht? Liebst du mich?

    Am Ende des Johannesevangeliums stehen diese Fragen. Ein letztes Kapitel. Ein vertrautes Gespräch nach den sich überstürzenden Ereignissen der Passionsgeschichte und der Ostergeschichte. Was war da alles passiert: Judas falscher Kuß brachte das Drama ins Rollen: das Waffengeklapper der Soldaten im Garten vor Jerusalem, Jesu Gefangennahme, ein blutendes Ohr, als Petrus das Schwert ergriff, flüchtende Jünger, ein krähender Hahn, Verhöre, Schläge ins Gesicht, Angst, Geißelung, der Spott unter dem Kreuz, die Knechte, die um Jesu Kleider würfeln. Marias Schmerz, der Tod. Der Ostermorgen, Maria von Magdala sieht das leere Grab, ihre Angst, Jesu Leichnam sei weg, der Gärtner vor dem Grab, der Zweifel, die Ungewißheit, was ist jetzt passiert. Wo ist er hin, der Herr, man sagt, er sei auferstanden, ist das wahr?

    Aufregende Tage. Aber irgendwann kehrte Ruhe ein. Die Jünger kehren zurück nach Galiläa, wo sie zu Hause sind. Sie fangen wieder an zu fischen auf dem See Tiberias. Die Wogen haben sich geglättet, die Ungewissheit freilich bleibt. Bis Jesus, der Auferstandene seinen Jüngern ein letztes Mal erscheint am See Tiberias in Galiläa, da wo alles begann. Sie essen noch einmal zusammen.

    Dann nimmt Jesus Petrus beiseite und fragt ihn: Simon, eine Frage: liebst du mich?

    Ein vertrautes Zwiegespräch am Ende des Evangeliums. Ein Epilog über die Liebe, über das Hirtenamt und über den Märtyrertod. Jesus und Petrus, der Herr und sein Jünger, ein letztes Mal.

     

    Der Kardinal

    Unsere Geschichte lässt sich unterschiedlich deuten. Vor meinem inneren Auge stelle ich mir drei Ausleger vor, einen Kardinal, einen Neutestamentler und eine Skeptikerin.

    Zuerst der Kardinal. Sein roter Hut liegt vor ihm auf dem Schreibtisch, er studiert noch ein Dossier, gleich ist er fertig. Er klappt das Buch zu, schaut auf und sagt: Der Fall ist klar, wir haben eine Enzyklika. "Lumen gentium", da ist klar geregelt: In dieser Geschichte wird Petrus zum Hirten über die gesamte Kirche eingesetzt. Weide meine Schafe: dreimal hört Petrus diesen Auftrag. Christus setzt Petrus in sein Hirtenamt ein, so fährt unser Kardinal fort, er macht ihn zum Oberhirten über alle Christen, und zwar ihn allein. Petrus ist der Fels der Kirche, er ist ihr Hirte. Und ein zweites: - Der Kardinal beugt sich vor. - Petrus starb als Märtyrer in Rom. Das deutet Jesus in dieser Geschichte an. Als er jung war, gürtete er sich selbst, also: krempelte die Ärmel hoch und tat, was er wollte. Als er alt war, gürtete ihn ein anderer: er wurde gefesselt und wegen seines Glaubens an Jesus in Rom hingerichtet. Petrus in Rom: das macht ihn, den Hirten und den Fels der ganzen Kirche, zum Vorgänger aller Päpste, den jetzigen Bischof von Rom eingeschlossen.

    Deshalb ist jede Entscheidung von einzelnen Priestern, von Synoden und Bischöfen nur dann gültig, wenn sie mit dem Bischof von Rom abgestimmt ist. Ob Schwangerenberatung oder Klima-Theologie: wir sollten einer Meinung sein. Der Papst übernimmt die Autorität und die Leitungskompetenz, die der Herr dem Petrus übertragen hat.

    Der Neutestamentler

    So weit der Kardinal. Nun zum Neutestamentler, dem Experten für die Bibelwissenschaft. Mit seinem Fahrrad schlingert er über das Kopfsteinpflaster der Universitätsstadt. Er steigt ab, nimmt seine Aktentasche vom Gepäckträger, und auf dem Weg zum Hörsaal sagt er: Also, das ist schon richtig, dass Petrus ein Hirtenamt bekommt und damit die Verantwortung, anderen Menschen Orientierung im Glauben zu geben. Aber man muss die Geschichte im Zusammenhang mit dem Rest des Evangeliums sehen. Denn da macht Petrus keine besonders gute Figur!

    Dreimal fragt Jesus ihn, ob er ihn liebt. Diese Frage steht am Ende des Evangeliums, das heißt: sie hat eine Vorgeschichte. Denn dreimal hatte Petrus Jesus verraten. Es war am Abend seiner Verhaftung im Innenhof des Tempels. Petrus schleicht dem Verhaftungskommando hinterher. Bis sie Jesus zu den Tempelgebäuden bringen zum ersten Verhör. Petrus bleibt draussen, er wärmt sich am Kohlenfeuer der Knechte. Eine Magd mustert ihn, dann ein anderer Knecht. Du gehörst auch zu diesem Jesus, sagen sie. Nein, sagt Petrus. Doch, sagen die anderen, dein galiläischer Akzent verrät dich. Dreimal streitet Petrus das ab, dann krähte der Hahn. Dieser Film muss Petrus jetzt vor seinem inneren Auge im Eiltempo vorbeigelaufen sein. Daher die dreimalige Frage: hast du mich lieb?  Petrus, immer hin- und her geworfen zwischen Begeisterung und Verzweiflung. Ich will mein Leben für dich geben, (Jh 13,38) hatte er zu Jesus einmal gesagt. Und: Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen! (Lk 22,23) Am Ende waren das leere Versprechungen. Von wegen felsenfester Glaube! Petrus, der Jünger mit der Schwäche für`s Halbstarke, hatte versagt, als er sich zu seinem Freund, dem er jahrelang nachfolgte, bekennen sollte. Ob er das Zeug zum Oberhirten hatte?

    Wie auch immer, - der Neutestamentler öffnet die Tür zum Hörsaal - kein Wunder, dass Jesus es genau wissen will und dreimal nachfragt. Trau, schau, wem, bevor du jemandem ein Hirtenamt gibst. Johannes 21 ist die Geschichte einer gründlichen Wiedergutmachung.

    Die Skeptikerin

    Das sieht die Skeptikerin anders. Mit verschränkten Armen steht sie an der Fensterbank und schüttelt den Kopf. Diese Geschichte ist immer als eine Geschichte der Blamage und der Wiedergutmachung verstanden worden, sagt sie und drückt ihre Zigarette aus.

    Aber es sollte doch wohl reichen, wenn jemand dir sagt: ich habe dich lieb! Warum das entwerten durch wiederholtes Nachfragen. Was gibt es Wertvolleres als so eine Liebeserklärung. Gut, Petrus hatte Jesus verleugnet. Aber dreimal nachfragen wegen einer dreimaligen Verleugnung: auf einer solchen Rehabilitation zu bestehen, ist pedantisch und albern. So, als wenn ein Prüfer den Kandidaten mehrfach fragt, ob er sich die Antwort auch gründlich überlegt hat.

    Warum glaubt Jesus dem Petrus seine Liebe nicht? Die Liebe rechnet das Böse nicht an, sie ist nicht nachtragend, heisst es im Hohen Lied der Liebe bei Paulus (1. Korinther-Brief, Kap. 13). Wenn Jesus Petrus liebt, warum hakt er so nach?

    Kein Wunder, fährt die Skeptikerin fort, dass es beim dritten Mal heisst: Petrus wurde traurig. Wer so aufläuft, ist traurig, gekränkt, beleidigt. Jedenfalls: wenn mir jemand, den ich mag, sagt: Ich halte zu dir... - dann lasse ich mir das nicht zweimal sagen, bevor ich es glaube!

     

    Neu anfangen

    So weit die drei Auslegungen und Meinungen zu dem Gespräch zwischen Jesus und Petrus. Ich verstehe diesen letzten Einwurf ganz gut. Was hat es mit dem dreimaligen Nachfragen auf sich, frage ich mich. Ist es nur, weil Petrus Jesus dreimal verleugnete und das jetzt dreimal wieder gut machen soll?

    Ich glaube nicht. Die dreifache Frage und Antwort ist weniger eine Gelegenheit für Jesus, seinen Jünger zu prüfen als vielmehr eine Gelegenheit für Petrus, über seine Schuld zu sprechen. Dieser veränderte Blickwinkel ist mir wichtig. In unserer Geschichte geht es nicht um ein peinliches Verhör, sondern um Versöhnung, um neugewonnene Liebe.

    Liebst du mich? Die Antwort kann Zeit brauchen nach enttäuschten Erwartungen. Denn die Worte des Verrats lassen sich nicht zurückholen, lassen sich nicht ungesagt machen. Gesagt ist gesagt. Die Frage legt den Finger in Petrus Wunde: er hatte seinen Freund verleugnet, nun kann er ihm sagen, dass er ihn liebt. Ich stelle mir vor, dass Petrus das auf den Nägeln brannte, zu sagen: Ich liebe dich, du kennst mich, so wie ich wirklich bin, so, wie ich sein möchte. Du weisst, wie ich es meine. Vergib mir. Die Schuld, die Versäumnisse werden angesprochen, das braucht Zeit. Jesus und Petrus: sie hatten drei Jahre miteinander verbracht. Nun fangen sie neu an. Diesen Neuanfang traut Jesus ihrer Beziehung zu. Nicht, indem Jesus sagt: Schwamm drüber, wird schon wieder, sondern indem sie mit einander reden. Dafür stehen die drei Fragen.

    Neuanfang: Am Ende des Evangeliums und am Ende unserer Geschichte sagt Jesus zu Petrus: Folge mir nach. Fing mit diesem Satz nicht auch alles an? Folge mir nach - das hatte Jesus zu Anfang seiner Zeit gesagt, als er die Jünger berief. Nun sagt er es noch einmal, am Ende, nach dem Leiden und der Auferstehung. Folge mir nach, jetzt wo du weisst, wohin das führen kann.

    Jetzt, wo du deine Stärken und Schwächen kennst. Wo du auch dein  Versagen kennst. Erzähl anderen von deinen Erfahrungen im Glauben. Davon, wie schön der Glaube sein kann. Erzähl von deinem Idealismus und von deinen Enttäuschungen. Erzähl auch von deinen Zweifeln, von deiner Unsicherheit. Weide meine Schafe. Nur wer die Gefahr vor dem bösen Wolf kennt, kann auch Schafe weiden, kann anderen eine Orientierung sein.

    Hirte

    Jesus sucht sich als Säulen seiner Gemeinde keine Helden aus, sondern Menschen wie dich und mich. Fehlbar, mit Brüchen in ihrem Leben, Menschen, die sensibel werden können. Nicht sentimental, sondern realistisch genug, um zu wissen, dass in ihrem Glauben und in ihrem Leben nicht alles glatt läuft. Und die von der Vergebung wissen. Und lieben können.

    Hirte zu sein, anderen Orientierung im Glauben und in schönen und in schwierigen Lebenssituationen zu geben - das ist nicht an ein Amt gebunden, das kann jede und jeder.

    Von Ralph Frieling

    Corona und Ungeduld

    Pfarrerin Stefanie Pensing zum 1. Petrusbrief