100. Geburtstag

9. Mai 2021

Heute jährt sich der Geburtstag von Sophie Scholl zum einhundertsten Mal.

Heute ist in unserer Kirche der Sonntag „Rogate“, deutsch: Betet.

Gebet

Wie mein Tag zerfließt!
Unter tausend leeren Minuten eine, die lebendig ist und bleibt.
Äußerlichkeiten nehmen mich ganz in Anspruch.
Das heißt, ich lasse mich von ihnen in Anspruch nehmen.
Immer, wenn ich bete, rinnen mir die Worte fort,
ich weiß keine anderen mehr als: Hilf mir!
Etwas anderes kann ich auch nicht beten, einfach darum,
weil ich noch viel zu niedrig bin, um beten zu können.
So bete ich darum, beten zu lernen.
Amen.

Sophie Scholl

Anfangen

„Einer muss ja doch schließlich damit anfangen.

Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele.

Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

 

Das sind Worte von Sophie Scholl. Sie und die anderen Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ druckten, verschickten und verteilten Flugblätter. Darin riefen sie zum Widerstand gegen das Hitlerregime auf und dazu, den sinnlosen blutigen Weltkrieg endlich zu beenden.

Am 18. Februar 1943 wurde Sophie Scholl verhaftet. Sie war gesehen worden, wie sie gemeinsam mit ihrem Bruder Hans im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München Flugblätter auslegte. Einen Tag später fasste man auch Christoph Propst, ein weiteres Mitglied der Weißen Rose. In Rekordzeit – schon vier Tage später - stellte man die drei vor Gericht. Recht sollte nicht gesprochen werden. Es war ein im Schnellverfahren durchgepeitschter Schauprozess.

Aus Berlin wurde Roland Freisler eingeflogen, der Präsident des Volksgerichtshofes; er war berüchtigt dafür, andere niederzubrüllen und zu erniedrigen. Und doch kam auch er nicht umhin, Sophie nach ihrem Motiv zu fragen. Und sie antwortete:

„Einer muss ja doch schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

Sophie Scholl zahlte einen hohen Preis für ihren Mut. Am 22. Februar 1943 wurde sie zum Tod verurteilt. Kurz nach der Urteilsverkündung - noch am gleichen Tag - schlug man ihr und ihrem Bruder Hans und Christoph Probst in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim mit der Guillotine den Kopf ab.

Andere Mitglieder der Weißen Rose sollten bis Kriegsende noch folgen.

Glaube

In ihren Tagebüchern und in Briefen schreibt Sophie Scholl viel über ihren Glauben. Immer wieder betont sie, wie wunderbar Gott diese Welt geschaffen hat. Ob das bei der Namenswahl der Gruppe eine Rolle spielte? „Weiße Rose“ - Rosen sind etwas Lebendiges, Schönes, Anmutiges. Zeichen der Hoffnung.  Für Sophie sogar Ausdruck von Gnade. In ihr Tagebuch schreibt sie als 19jährige:

Auf meinem Nachttisch stehen zwei Rosen. An die Stiele und das Blatt, die ins Wasser hängen, haben sich winzige Perlen gereiht. Wie schön und rein dies aussieht, welch kühlen Gleichmut es ausstrahlt. Dass es dieses gibt. Dass der Wald so einfach weiterwächst, das Korn und die Blumen, dass Wasserstoff und Sauerstoff sich zusammengetan haben zu solch wunderbaren lauwarmen Sommerregentropfen. Manchmal kommt mir dies mit solcher Macht zu Bewusstsein, dass ich ganz voll davon bin und keinen Platz mehr habe auch nur für einen einzigen Gedanken. Dies alles gibt es, trotzdem sich der Mensch inmitten der ganzen Schöpfung so unmenschlich und nicht einmal tierisch aufführt. Allein dies ist schon eine große Gnade.

 

Freude

Einen Tag vor ihrer Verhaftung schreibt Sophie Scholl einen Brief an ihre Freundin Lisa. Sie hört dabei ein Musikstück. Es ist das Forellenquintett von Schubert. Ein Stück, das die Melodie eines Liedes über eine „launische Forelle“ aufgenommen hat.

„Ich lasse mir gerade das „Forellenquintett“ vom Grammophon vorspielen. Am liebsten möchte ich da selbst eine Forelle sein, wenn ich mir das Andantino anhöre. Man kann ja nicht anders als sich freuen und lachen. Man spürt und riecht in diesem Ding von Schubert förmlich die Lüfte und Düfte und vernimmt den ganzen Jubel der Vögel und der ganzen Schöpfung. Die Wiederholung des Themas durch das Klavier – es kann einen entzücken. Oh, ich freue mich so auf den Frühling.“

 

Beten

„Oh, ich freue mich so auf den Frühling.“ Sophie hat keinen Frühling mehr erlebt.

 

Neben diesem dankbaren Wahrnehmen von Gottes Schöpfung hatte Sophie Scholl eine weitere Kraftquelle: Das Gebet.

Bei einem Menschen, der Hitler und seinem scheinbar allmächtigen Unrechtsregime die Stirn bot, da würde man vielleicht Gebete von Stärke und Glaubenssicherheit und von einem unerschütterlichen Gottvertrauen erwarten. Jedoch genau das Gegenteil ist der Fall. In ihren Gebeten ist von Selbstzweifel die Rede und von Verzagtheit. Sie selbst charakterisiert ihr Beten als das Stammeln eines schwachen und für Gott tauben Menschen. Sophie Scholl empfindet sich selbst nicht als blühende dornenbewehrte Rose, sondern vielmehr als Wüste. So schreibt sie an ihren Freund an der Ostfront, Fritz Hartnagel:

„.... gegen die Dürre des Herzens hilft nur das Gebet, und sei es noch so arm und klein... so will ich es Dir und mir stetig wiederholen: Wir müssen beten, und für einander beten, und wärest du hier, ich wollte die Hände dir falten, denn wir sind arme Kinder, schwache Sünder …. Ich bin Gott so ferne, dass ich ihn nicht einmal im Gebet spüre. Ja manchmal, wenn ich den Namen Gott ausspreche, will ich in ein Nichts versinken. Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, auch wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.“

 

„Einer muss ja doch schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

Sophie hat angefangen. Und viele haben weitergemacht. Bis zum heutigen Tag wagen Menschen einzutreten für ihre Hoffnungen, ihren Glauben, ihre Sehnsucht nach Freiheit, so in Belarus und Russland, in Hongkong und in Myanmar. Sie alle heben dieses Traumkind im Taufkleid auf und tragen den mutigen Glauben Sophie Scholls weiter. Manch einer bezahlt dafür mit seinem Leben.

 

In Deutschland gibt es die Freiheit auszusprechen, was ich denke und glaube. Aber diese Freiheit ist zerbrechlich und braucht mutige Menschen, die sie bewahren und verteidigen. Denn auch die Roland Freislers sind noch da, ergreifen das Wort und greifen nach der Macht.

Deshalb ist es wichtig, Sophie Scholl nicht zu vergessen, was sie wagte und was sie dachte, was sie uns hinterließ. Sie soll heute das letzte Wort haben. Es ist ein Gebet aus ihrem Tagebuch.

Mein Gott,
wie ein dürrer Sand ist meine Seele,
wenn ich zu Dir beten möchte,
nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit.
Mein Gott,
wie ein dürrer Sand ist meine Seele.
Verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde,
damit dein Samen, dein Wort nicht umsonst in sie falle,
wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen
nach Dir, ihrem Schöpfer.


Amen

 

Felix Walter
Pfarrer in der JVA Stadelheim